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Somit haben wir heute die Verantwortung, der nächsten Generation so viel Vermögen zu hinterlassen, dass diese mindestens unseren Wohlstand erreichen kann und der folgenden Generation wiederum hinreichend viel Vermögen weitergeben kann. Der Vermögensbegriff muss dazu so weit wie möglich gefasst werden: neben den natürlichen Ressourcen – erneuerbar oder nicht – gehören dazu mindestens das Sachvermögen, das Humanvermögen (Bildung, Gesundheit) und das Sozialvermögen (Beziehungen). Mit Ausnahme der nicht-erneuerbaren natürlichen Ressourcen können alle Vermögensarten vermehrt werden.
Um eine Aussage über Lebensstandard und Wohlstand insgesamt bzw. das dafür einsetzbare gesellschaftliche Vermögen machen zu können, müssen ganz unterschiedliche Dinge zusammengefasst und bewertet werden. Steigt beispielsweise das Vermögen, wenn wir 20 neue Kindertagesstätten gebaut haben, aber gleichzeitig durch unsere zunehmende Mobilität einen höheren CO2 Ausstoß verursacht haben? Diese unterschiedlichen Aspekte – vor allem wenn sie nicht in Euro zu beziffern sind – zu einer Gesamtschau zusammenzufassen ist die große Herausforderung für alle Initiativen, die sich mit der Messung von Fortschritt und Nachhaltigkeit beschäftigen
In Europa gibt es momentan mindestens drei staatliche Initiativen, die diese verschiedenen Vermögensarten im Blick haben und auf einen Fortschritt für künftige Generationen hinarbeiten – auch wenn dort in der Regel nicht die gleichen Begriffe verwendet werden wie hier. Diese drei Initiativen stehen heute noch neben einander und befruchten sich kaum: Die Europa-2020 Strategie der Europäischen Kommission, die Nachhaltigkeitsstrategien der EU und ihrer einzelnen Mitgliedsstaaten und die neuen Initiativen zur breiten Wohlfahrtsmessung.
In der Europa-2020 Strategie der Europäischen Kommission geht es um intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum. Das entspricht weitgehend den drei klassischen drei Säulen der Nachhaltigkeit: ökonomisch, ökologisch und sozial. Konkrete Ziele sind unter anderem eine Verringerung der Treibhausgasemissionen um 20% gegenüber 1990, eine Verringerung der Schulabbrecherquote von heute 15% auf 10% und eine Verringerung der Armut. Federführend ist auf Europäischer Ebene die Generaldirektion Wirtschaft und in Deutschland das Bundesministerium für Wirtschaft.
Die Nachhaltigkeitsstrategien der europäischen Länder haben einen klaren Schwerpunkt auf Umweltthemen, berücksichtigen aber auch Wirtschaftswachstum, Beschäftigung, Bildung, Gesundheit und andere Themen. Federführend ist auf Europäischer Ebene die Generaldirektion Umwelt und in Deutschland das Bundesministerium für Umwelt.
Die dritte und jüngste Initiative ist die insbesondere vom französischen Staatspräsidenten Sarkozy und seiner Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission voran getriebene Suche nach breiten Wohlfahrtsmaßen. Im Endbericht der französischen Kommission geht es um die Themen: Wirtschaftswachstum, Gesundheit, Bildung, Umwelt, soziale Beziehungen, politische Mitsprache und Unsicherheit. Auch hierzu gibt es eine offizielle Kommunikation der Europäischen Kommission. Die europäische Statistikbehörde Eurostat ist stark involviert und es gibt einige Querverbindungen zum OECD Netzwerk der Fortschrittsmessung. In Deutschland ist das Bundesministerium für Wirtschaft zuständig und der Sachverständigenrat Wirtschaft wird gegen Ende des Jahres ein Gutachten zur Anwendbarkeit auf Deutschland vorlegen.
Die inhaltliche Nähe dieser drei Ansätze ist nicht zu übersehen und die Verwirrung der Anwender in Politik und Gesellschaft daher groß. Wirklich nachhaltig wäre es, wenn diese drei Ansätze an einer gemeinsamen Sprache, einer gemeinsamen Vorgehensweise und gemeinsamen Indikatoren zu Nachhaltigkeit und Fortschritt arbeiten würden. Letztlich sollte ein gemeinsamer Ansatz gefunden werden. Dazu müssten die genannten Generaldirektionen, Ministerien, Abteilungen und ihre Gegenüber in Wissenschaft und Gesellschaft intensiver miteinander kommunizieren.
Die von SPD und Grünen beantragte Enquête-Kommission des Bundestags zu „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt“ ist eine ideale Gelegenheit, diesen Brückenschlag zumindest in Deutschland zu schaffen. Auch die Bundeskanzlerin scheint dieses Anliegen zu teilen. Im Februar dieses Jahres forderte sie in einer Videobotschaft dazu auf, über Wachstum und nachhaltigen Wohlstand neu nachzudenken und nannte in diesem Zusammenhang die Themen Sicherheit, Lebensqualität, Gesundheit und den nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen.
Zur Präsentation.
Die Region Vancouver beispielsweise zeigt, wie wertvoll und wirksam eine solche Vorgehensweise sein kann. Dort arbeiten Stiftungen, Stadt, Presse, Bürgerinitiativen, Wissenschaftler, Unternehmen und viele andere gemeinsam daran, dass die Region so gesund, wohlhabend und fair wie nur möglich wird. Die Bürger werden befragt, was aus ihrer Sicht die wichtigsten Herausforderungen für die Region sind. Mehr als 1000 Einwohner vergeben regelmäßig Schulnoten zu den relevanten Themen.
Im Jahr 2008 standen Verkehrsprobleme ganz oben auf der Sorgen-Liste der Bürger, da aufgrund der hohen Mieten in der Innenstadt viele Menschen in den Vororten mit langen Arbeits- und Schulwegen leben. Für die Stiftungsarbeit wurde daraus ein konkretes Projekt entwickelt, in dem Migranten, Flüchtlingen und obdachlosen Jugendlichen Bustickets zur Verfügung gestellt werden. Dies können Tickets zu Arbeit, Integration und einem besseren Leben sein. Für die Stiftung und die Stadt kann es gut angelegtes Geld sein.
In Deutschland ist diese systematische Ableitung von Prioritäten mit Hilfe einer breit angelegten Analyse der Lebensverhältnisse der Menschen bisher kaum entwickelt. Dies gilt sowohl auf der lokalen wie auch auf der nationalen Ebene – die sich gegenseitig ergänzen und befruchten müssen. Nun bekommt die Wohlergehensmessung auf nationaler Ebene auch in Deutschland immer mehr Fürsprecher. Auslöser dafür war die vom französischen Präsidenten Sarkozy eingesetzte Kommission, die unter Leitung der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen im Herbst 2009 ihren Abschlussbericht vorlegte. In Deutschland machen sich der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin und der Bundesfinanzminister für breitere Maße von Wohlergehen, Fortschritt und Lebensqualität stark.
Neben staatlichen Initiativen tritt in der Zivilgesellschaft das „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ für eine systematische Erfassung der gesamtgesellschaftlichen Situation ein, auf deren Basis dann politische Entscheidungen getroffen werden können. Das Zentrum wurde Ende 2008 als unabhängige Denkfabrik nach angelsächsischem Muster gegründet. Es will mit fundierten und kreativen Analysen und Diskussionsbeiträgen die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Fortschritt, Wohlstand und Wohlergehen der Menschen in Deutschland verbessern. Als einziger deutscher Korrespondent ist das Zentrum im globalen Fortschrittsprojekt der OECD aktiv, das als Netzwerk die verschiedenen Projekte rund um den Globus miteinander verbindet ohne zentrale Standards vorzuschreiben.
Es ist an der Zeit, den Konsum wieder zum obersten Ziel des Wirtschaftens zu machen. Die Wirtschaft ist dazu da, Güter und Dienstleistungen zu erstellen, mit denen die Menschen eines Landes ihre materiellen Bedürfnisse befriedigen können. Auch für Ludwig Erhard stand der Konsum im Mittelpunkt des Wirtschaftens. In seinem Buch „Wohlstand für Alle“ war für ihn „der Mensch, insbesondere in seiner Funktion als Verbraucher“ die Orientierungsgröße für die Wirtschaftspolitik. Sicherlich ist der Konsum nicht der einzige Weg zur Zufriedenheit, aber er ermöglicht vieles andere. Nochmals Erhard: „wenn die materielle Basis der Menschen geordnet ist, werden diese selbst frei und reif für ein höheres Tun.“
Mehr Konsum bedeutet nicht mehr wie in den 1960er Jahren einen größeren Sonntagsbraten oder eine neue Waschmaschine. Der Zuwachs kommt heute aus ganz anderen Bereichen: dem Wohnen und von Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheit. Bis Ende der 1990er Jahre leisteten sich die Deutschen immer größere Wohnungen, so dass die Mietzahlungen heute mit einem Anteil von 16 Prozent den größten Posten im inländischen Konsum stellen. Viele andere, personenbezogene Dienstleistungen sind nach wie vor unterentwickelt, da insbesondere die Märkte für Bildung und Gesundheit von staatlichen Zahlern dominiert werden. Für mehr privaten Konsum auf freien Märkten ist hier noch viel Luft nach oben.
In den letzten Jahren wurde das wirtschaftliche Ziel eines steigenden Konsums in Deutschland klar verfehlt. Von 2001 bis 2008 stieg der private Verbrauch inflationsbereinigt insgesamt um lediglich ein Prozent – was den letzten Platz unter 21 reichen Ländern bedeutet. Andere konnten im gleichen Zeitraum Anstiege um 15 bis 20 Prozent verzeichnen: Frankreich, Dänemark, Spanien und die USA. Noch kräftiger war der Zuwachs mit rund 30% in Kanada, Australien und Norwegen.
Der öffentliche Aufschrei gegen diese Zielverfehlung ist in Deutschland bisher ausgeblieben. Aber es gibt Menschen, die Konsequenzen aus dieser unbefriedigenden Situation ziehen. Die genannten Länder mit dem kräftigen Anstieg des privaten Verbrauchs zählen zu den beliebtesten Zielen deutscher Auswanderer. Offenbar haben diese eine hohe Attraktivität für viele Deutsche.
Der schwache deutsche Konsum hat viele Ursachen. Die Konzentration von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Exportweltmeisterschaft“ hat zu einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse weg von den Arbeitnehmern geführt. Somit haben viele Jahre Lohnzurückhaltung den Konsum gedämpft. Zudem ließ die Anhebung der Mehrwertsteuer die Preise anstiegen und somit die reale Kaufkraft der kleinen Lohnzuwächse sinken. Außerdem sparten die Deutschen mehr: Haushalte mit hohem Einkommen und einer hohen Sparquote profitierten von kräftig steigenden Gewinneinkommen, wodurch die gesamte Sparquote stieg. Der Konsum insgesamt wurde geschwächt.
Um dem Konsum wieder seinen Platz als oberstes Ziel des Wirtschaftens zukommen zu lassen und ihn ähnlich zunehmen zu lassen wie in anderen Ländern, sind weder Konsumschecks noch Steuergeschenke notwendig. Vielmehr geht es um eine gleichgewichtige Entwicklung, in der alle Beteiligten wissen, dass das Ziel der Konsum und nicht der Export ist. Höhere Löhne sind dann in manchen Branchen eher zu rechtfertigen, wenn nicht mehr alles einer schwammig definierten „internationalen Wettbewerbsfähigkeit“ untergeordnet wird. Steuererhöhungen, die den Konsum belasten, sollten unterbleiben. Ein Satz von Ludwig Erhard lässt sich auch auf die Frage nach den Zielen des Wirtschaftens anwenden: „Diese Prinzipien sind nur dann zu verwirklichen, wenn die öffentliche Meinung entschlossen ist, ihnen Vorrang vor egoistischen Sonderinteressen einzuräumen.“
]]>Wirtschaftlicher “Fortschritt” kann für jeden etwas anderes bedeuten: z.B. mehr Geld, mehr berufliche Sicherheit bzw. soziale Absicherung, mehr Freizeit und weniger beruflichen Stress, oder eine bessere gesundheitliche Versorgung und eine saubere und friedliche Umwelt. Alle diese Wünsche haben etwas gemeinsam. Sie kosten etwas. Nicht bloß weil trotz Fortschritt unsere Möglichkeiten stets beschränkt sind, sondern auch weil “Fortschritt” für die einen (z.B. höhere Produktivität) “Rückschritt” für andere bedeuten kann (z.B. in Form von Arbeitsplatzverlust). Wir müssen deshalb abwägen, wie wir die Prioritäten setzen wollen. Für den Zusammenhalt der Zivilgesellschaft ist es wichtig, dass diese Prioritätensetzung eine breite Unterstützung findet. Nicht nur dort, wo sie politisch entschieden werden muss, sondern auch da wo wir sie durch unser Marktverhalten bewirken – das muss miteinander verträglich sein. Vor allem dazu brauchen wir einen gesellschaftlichen Diskurs. Außerdem gibt es Anzeichen, dass die einfache Gleichung Wirtschaftswachstum = Fortschritt, die für viele in der Vergangenheit gegolten hat, nicht mehr so leicht zu realisieren sein wird. Wie sollen die Gewichte dann verteilt werden?
2. Was macht für Sie Fortschritt aus und was halten sie vom Bruttoinlandsprodukt als Maß für Fortschritt und Wohlstand?
Die Antwort darauf, was wirtschaftlichen Fortschritt ausmacht, enthält ein Werturteil – ebenso wie die gerade erwähnte Prioritätensetzung. Man kann darüber also mit Recht unterschiedlicher Meinung sein. (Anders als über Tatbestandsaussagen wie die, dass das Prokopf-Einkommen gestiegen oder die Arbeitslosenquote gesunken ist, die entweder wahr oder falsch sind.) Was für mich persönlich Fortschritt ist – dass mehr Menschen ein Leben in Würde, Freiheit und ohne Existenznot in einer intakten Umwelt führen können – ist ein möglicher Standpunkt. Es gibt andere und man kann sich über ihre Begründung austauschen. Gerade dazu brauchen wir ja den Diskurs. Die Höhe des BIP kann für stark materiell orientierte Fortschrittsvorstellungen ein Anhaltspunkt sein. Es ist mit den materiellen Möglichkeiten einer Gesellschaft hoch korreliert. Der Vorbehalt liegt in der Frage, ob die Institutionen der Gesellschaft taugen, das Angebot an öffentlichen Gütern im gesellschaftlich gewünschten Umfang zu erstellen und – damit zusammenhängend – in der Frage der personellen Verteilung des BIP.
3. Oft wird behauptet, dass für Menschen in der ganzen Welt die gleichen Dinge wichtig sind (Gesundheit, Familie, Freunde, Arbeit, Umwelt usw.), aber dass sich die Gewichte je nach gesellschaftlichem Entwicklungsstand oder individueller Lebenssituation (Alter, Arbeitslosigkeit usw.) unterschieden. Was halten Sie von dieser These?
Es wäre nicht überraschend, wenn viele der Bedürfnisse, deren Erfüllung uns wichtig ist, auch von anderen Menschen geteilt werden. Schließlich haben wir einen Gutteil unserer genetisch angelegten Verhaltensdispositionen gemeinsam. Es würde auch nicht überraschen, wenn die kulturellen Besonderheiten der Umgebung, in der wir aufgewachsen sind, eine Rolle spielen. Denn wir sind lernfähig und beeinflussbar bezüglich dessen, was wir für wichtig halten. (Die kulturellen Einflüsse erklären, warum Unterschiede im durchschnittlichen Verhalten zwischen Gesellschaften größer sein können als die genetisch angelegten Verhaltensunterschiede.) Schließlich liegt es auf der Hand, dass unserer spezifischen Lebensumstände und -erfahrungen sowie unsere kognitive Reflexion einen Einfluss darauf haben, wie jeder Einzelne die Gewichte setzt. Wir Menschen haben aber die einzigartige Fähigkeit, uns in die Situation anderer versetzen zu können. Wir können deshalb wechselseitig die Motive verstehen, die zu unterschiedlichen Prioritätensetzungen führen, und uns auf dieser Grundlage auch über deren relative Berechtigung verständigen. Dies ist die große Chance, die der oben geforderte Diskurs für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft bieten kann.
4. Welche Länder haben nach Ihrer Einschätzung ein hohes Niveau gesellschaftlicher Entwicklung erreicht und können uns Deutschen als Vorbild diesen?
Man denkt hier – und ich tue das auch – zumeist an hochentwickelte Länder mit deutlich kleinerer Bevölkerungszahl als Deutschland. Aber was an Diskursformen und wechselseitigem Zuhören in, sagen wir, Dänemark oder der Schweiz mit ihren 5 oder 8 Mio. Einwohnern möglich ist, ist nicht ohne weiteres auch in Deutschland mit seinen 82 Mio. Einwohnern möglich (geschweige denn in noch viel größeren Ländern). Kurz und gut, ich glaube, dass es für den gesellschaftlichen Entwicklungsstand nicht bloß auf die Höhe des Prokopf-Einkommens ankommt. Entscheidend ist auch eine breite Verständigung darüber wie das Einkommen verwendet werden soll. Da sind wir wieder bei der Prioritätensetzung und der Vorstellung eines guten Lebens, die ihr zugrunde liegt. Diese Verständigung scheint schwieriger zu werden, je größer die Einwohnerzahl. Der Grund könnte sein, dass die Medien dann immer weniger in der Lage sind, einen differenzierten, vielstimmigen Diskurs zu organisieren. Gewollt oder nicht, scheinen sie mehr und mehr zum Sprachrohr der Mächtigen und Prominenten zu werden, während die breite Bevölkerung die Möglichkeit verliert, sich zu artikulieren. Das hat Folgen für das Niveau der gesellschaftlichen Entwicklung. Wir sollten der Leistung unserer Medien viel kritische Aufmerksamkeit schenken.
5. Seit einigen Jahren ist immer öfter vom Entstehen einer Wissensgesellschaft die Rede. Ist mehr Bildung ein Ausweg aus der deutschen Wachstumsschwäche?
Ich denke man muss hier zwei Dinge trennen. Auf der einen Seite stehen die Ursachen der Wachstumsschwäche. Auf der anderen steht die Frage welche Bedeutung Wissen und Bildung – die ja weitgehend öffentliche Güter darstellen – haben sollen. Wachstums”schwäche” heißt prozentual geringeres jährliches Wirtschaftswachstum. Je höher das Prokopf-Einkommen und damit die Produktivität je Arbeitstunde bereits ist, umso eher sollten wir das aber erwarten. Warum? Wachstum mit gleichbleibenden jährlichen Prozentsätzen hieße ja, dass die historisch einmalige Steigerung der Arbeitsproduktivität, die wir in den 60 Jahren Bundesrepublik erlebt haben, demnächst in 30 Jahren geschafft werden müsste. Danach in 15 Jahren, und weiter in Zeitabständen, die sich jeweils halbieren. Das ist auf Dauer nicht durchzuhalten. Die Zeitabstände, in denen man eine solche Steigerung wiederholen kann, werden nicht um so viel kürzer. Das bedeutet, dass die Wachstumsraten der Wirtschaft sinken müssen. Wohlgemerkt, wir sprechen über das Wachstum des BIP, nicht über wirtschaftlichen Fortschritt. Es sei denn wir setzen Fortschritt gleich mit Erhöhung des materiellen Lebensstandards. Das wäre aber zu ein-dimensional – zumindest nach meinem Verständnis, siehe oben.
Was die Rede von Bildung und Wissensgesellschaft angeht, ist allzu oft nur politische Rhetorik im Spiel, der keine Taten folgen. Wenn es weiteres Wirtschaftswachstum geben soll, wird sich dies noch mehr als bisher auf technischen Fortschritt stützen müssen. Der bedeutet aber weiter steigende Qualifikationsanforderungen an einen Großteil der Beschäftigten. Zudem muss das wachsende wissenschaftlich-technologische und kommerzielle Wissen von Generation zu Generation neu umgeschlagen werden. Dafür braucht es eine Gesellschaft, die hochmotiviert und auch materiell in der Lage ist zum Lernen und Forschen. Nur eine besser ausgebildete Arbeitskraft kann auf Dauer um die Lohndifferenz produktiver sein als der Kollege in einem Niedriglohnland. Hier müssen wir deutlich mehr tun als bisher. Und selbst dann ist es nicht sicher, dass wir den Vorsprung in Wissenserzeugung und -anwendung behalten können, den wir gegenwärtig noch gegenüber den riesigen asiatischen Schwellenländern haben. Gelingt das nicht, werden viele anspruchsvolle Jobs ebenso in Niedriglohnländer verlagert werden, wie das jetzt schon im produzierenden Gewerbe mit den weniger anspruchsvollen geschieht. Leicht auszumalen, was das für die inländische Wertschöpfung, Beschäftigung, unsere Wachstumsaussichten und – auf lange Sicht – das Lohnniveau bedeuten würde.
6. Neben der Bildung steht die Innovation regelmäßig im Zentrum politischer Aufmerksamkeit. Wie entsteht Neues und was kann eine Gesellschaft tun, damit Verbesserungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft eine Chance haben?
Die Frage wie Neues entsteht und – soweit es das Wert ist – zum Durchbruch kommen kann, ist schwierig und ist derzeit Gegenstand intensiver Forschung. Es würde zu weit führen, die Forschungsergebnisse hier zusammenfassen zu wollen. Was eine Gesellschaft tun kann, damit Verbesserungen eine Chance haben, kann man aber zumindest in einem Punkt auch so beantworten. Es kommt darauf an, eine Kultur für den erwähnten gesellschaftlichen Diskurs zu schaffen. Er wird zur Verständigung darüber gebraucht, was als Verbesserung gelten kann und welche Kosten damit verbunden sein dürfen. Denn was eine Verbesserung für die einen ist, kann – wie erwähnt – für andere eine gravierende Verschlechterung darstellen. Diskurs und Verständigung machen es leichter, Wege für den notwendigen Interessenausgleich zu finden und diese zu akzeptieren. Endlose gerichtliche Auseinandersetzungen, wie sie immer mehr als Ersatz herhalten müssen, sind der teuerste und zermürbenste Weg. In einer Zivilgesellschaft sollten wir uns mehr an die eigene Nase fassen und – bildlich gesprochen – den Schiedsrichter in uns zum Zuge kommen lassen. Er sollte eigentlich wissen, was eine faire Einigung wäre. Es ist mir klar, und ich habe es oben gesagt, dass eine solche Diskurskultur nicht leicht zu erreichen ist, vor allem in größeren Ländern. Umso mehr müssen wir uns im Interesse unserer Innovationsfähigkeit darum bemühen.
7. Eine wachsende Weltbevölkerung mit steigenden Lebensverhältnissen führt zu einem insgesamt höheren Ressourcenverbrauch. Lassen sich ökonomische und ökologische Interessen aus Ihrer Sicht vereinen?
Theoretisch ließen sich ökonomische und ökologische Interessen durchaus vereinbaren, wenn wir uns auf ein vollständig nachhaltiges Wirtschaften umstellen würden. Ob dies auch praktisch zu erreichen ist, ist eine andere, sehr ernste, wenn nicht schicksalhafte Frage. Es ist klar, dass der ressourcen-intensive Lebensstandard, den wir in Europa und Amerika erreicht haben, nicht für acht oder neun Milliarden Menschen realisierbar ist. Genau dieser Standard wird aber den Völkern, die ihn nicht haben, aus kommerziellen und politischen Interessen als Ideal vorgeführt. Wir brauchen uns nicht zu wundern, dass sie ihn nun auch anstreben. Wenn es ihnen gelingt, Wirtschaftswachstum in Gang zu bringen und wie in China und Indien aufrecht zu erhalten, werden sich Rohstoffe und Energie noch viel dramatischer verknappen. Da wir mit vielen Ressourcen noch immer recht verschwenderisch umgehen, kann eine Effizienzsteigerung und “Dematerialisierung” unserer Produktion noch Reserven freisetzen. Die Frage ist freilich, ob und wie lange wir Produkte und Dienstleistungen mit den gewünschten Eigenschaften mit so viel weniger Ressourcenverbrauch herstellen können, dass sich die steigenden Ressourcenkosten auffangen lassen. Voraussetzung hierfür ist der Erfolg von Innovationen, die wir noch gar nicht kennen. Tritt der nicht ein, oder wollen wir nicht darauf wetten, dass er eintritt, dann werden wir uns wohl von Zuwächsen bei einem materiell definierten Lebensstandard verabschieden oder gar auf Verluste einstellen müssen. Auch deshalb scheint es mir wichtig, wirtschaftlichen Fortschritt und Lebensqualität nicht ein-dimensional auf materielle Standards zu reduzieren. Die Frage, was ein gutes Leben ausmacht, darf nicht nur philosophischen Zirkeln vorbehalten bleiben, sie gehört auf die gesellschaftliche Agenda.
8. Welche Prioritäten sollte die Politik in Deutschland in den nächsten Jahren Ihrer Meinung nach setzen?
Über wünschenswerte und machbare politische Ziele lässt sich lange streiten. Ich würde lieber das derzeitige politische Credo europäischer und deutscher Politik diskutieren, das im Wachstum ein Allheilmittel für alle wirtschaftlichen und budgetären Probleme sieht. Diese Hoffnung weiter zu nähren, halte ich für kurzsichtig. Wirtschaftswachstum, so hat es den Anschein, soll für jeden etwas bringen. Mehr Geld für den Konsum. Mehr Geld für die wohlfahrtstaatliche Umverteilung. Mehr Geld um die Umweltbelastungen unseres bisherigen Wirtschaftswachstums zu senken. Und schließlich (das wird oft unterschätzt) auch die Reichtumssteigerung, mit der sich die geopolitische Machtposition im internationalen Wachstumswettlauf aufrecht erhalten lässt. So zu tun, als ob die materiellen Wachstumsmöglichkeiten, die wir selbst bei weiter effizienzsteigernden Innovationen noch haben werden, das alles hergeben, halte ich für problematisch. Wir brauchen auch hier den öffentlichen Diskurs darüber, wofür die knapper werdenden Zuwächse noch reichen werden und wofür nicht. Ich würde erwarten, dass gerade für die reichen Länder die Aufwendungen für Umwelt und Nachhaltigkeit erheblich gesteigert werden müssen. Für einen materiellen Mehrkonsum, so wie wir ihn heute verstehen, bleibt dann wenig. Deshalb das Plädoyer dafür, über die Prioritäten in unserem Lebensstil nachzudenken. Aber auch für sozialstaatlichen Wohltaten werden die Zuwächse immer weniger mobilisierbar sein – und das angesichts eines wachsenden Transferbedarfs infolge der ungünstigen Altersstruktur unserer Bevölkerung. Hier besteht erheblicher Diskussionsbedarf. Es scheint, dass Politiker, die diese Risiken offen ansprechen, ihre Wahlchancen beeinträchtigen. Um sich über Möglichkeiten und Risiken wirtschaftlichen Fortschritts offen austauschen zu können, braucht die Zivilgesellschaft deshalb politik-unabhängige Kommunikationsformen und -foren. Für meinen Geschmack wird in unserem Land der gesellschaftliche Diskurs schon viel zu sehr von der (auf ihre Wahlchancen bedachten) Parteipolitik dominiert und bleibt deshalb so kurzsichtig.
Das Interview führten André Lieber und Stefan Bergheim
Aus mindestens drei Gründen ist diese Sichtweise problematisch. Erstens stellt zumindest der Slogan "Wachstum schafft Arbeit" die Wirkungsrichtung auf den Kopf. Zweitens könnte die Hoffnung auf das Allheilmittel Wachstum die Aufmerksamkeit von anderen Lösungen für die Probleme ablenken. Und drittens ist langfristig vermutlich nur ein eher schwaches Wirtschaftswachstum von gut ein Prozent pro Jahr zu erwarten.
Wenn Volkswirte von Wachstum sprechen, dann denken sie an eine lange Frist, an mindestens vier Jahre. Alles darunter wird als Konjunktur bezeichnet. Das langfristige Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird auch Potenzialwachstum oder Trendwachstum genannt. Um diesen Trend herum gibt es konjunkturelle Schwankungen, die von Kapitalmärkten, Wechselkursen, Zentralbankzinsen oder staatlichen Ausgabenprogrammen bestimmt werden. Der Absturz der Konjunktur seit gut einem Jahr war sehr ungewöhnlich. Nach solch einem Absturz muss das BIP wieder überdurchschnittlich stark steigen, um auf seinen Trend zurückzukommen. Daher ist es gut möglich, dass die ersten Jahre der neuen Legislaturperiode hohe Anstiege des BIP bringen werden. Mit langfristigem Wachstum hat das aber wenig zu tun. Dafür sind andere Faktoren verantwortlich.
Arbeit schafft Wachstum: Das ist, der Wachstumsforschung zufolge, die Wirkungsrichtung. Wer mehr arbeitet, kann auch mehr produzieren. Zwar gibt es hier eine natürliche Obergrenze: Der Tag hat nur 24 Stunden. Aber von dieser Grenze sind wir in Deutschland weit entfernt. Im Jahr 2008 wurde in Deutschland pro Einwohner im Durchschnitt weniger als zwei Stunden pro Tag in der Wirtschaft gearbeitet. Rechnet man die Wochenenden heraus, sind es 2,7 Stunden pro Werktag und Einwohner. Damit liegt Deutschland im Vergleich der OECD-Länder am unteren Rand und wird nur von Frankreich deutlich unterboten. Im Mittel der Länder wird 20 Prozent mehr gearbeitet als bei uns.
Eine Erklärung für den geringen Arbeitseinsatz in Deutschland ist natürlich die hohe Arbeitslosenquote. Eine Politik für mehr Arbeit könnte sich an den Modellen in den Niederlanden und Dänemark orientieren, die mit ihrer Mischung aus Flexibilität und Sicherheit auch im August 2009 Arbeitslosenquoten von lediglich 3,5 Prozent beziehungsweise 5,9 Prozent erreichten. In Deutschland waren es trotz der milliardenschweren staatlichen Unterstützung für die Kurzarbeit 7,7 Prozent. Ein deutlicher Rückgang der Quote würde nicht nur die Lebenszufriedenheit der Deutschen erhöhen, sondern auch mehr Wirtschaftswachstum bedeuten.
Ein noch wichtigerer Grund für den niedrigen Arbeitseinsatz pro Kopf der Bevölkerung liegt darin, dass die Menschen in Deutschland heute ebenso wie im Jahr 1968 mit etwa 61 Jahren in Rente gehen - obwohl sich die Restlebenserwartung eines 61-jährigen Bürgers seither fast verdoppelt hat. Resultat ist, dass Deutschland heute fast 25 Millionen Rentner zählt. Das entspricht 30 Prozent der Bevölkerung. Vor 40 Jahren waren es nur 15 Prozent. Nicht nur die Rentenversicherungen werden dadurch belastet. Auch das Wirtschaftswachstum fiel wegen des sinkenden Arbeitseinsatzes niedriger aus.
Wenn Gesellschaft und Politik in Deutschland mehr Arbeit möchten, dann sind sinkende Bevölkerungsanteile in Arbeitslosigkeit und Rente wichtige Bausteine. Ob die im Koalitionsvertrag erwähnten Maßnahmen zum ersten Punkt wirken werden, kann man bezweifeln. Zum zweiten Punkt findet sich nur eine kurze Floskel.
Immerhin ist es in den letzten Jahren um die früher oft bemühte Investitionsschwäche als Grund für niedriges Wachstum und Beschäftigung deutlich ruhiger geworden. Es hat sich wohl die Einsicht durchgesetzt, dass der Bestand an Sachkapital einer Volkswirtschaft immer nur so schnell wächst wie das Bruttoinlandsprodukt - darauf wies schon 1957 der britische Ökonom Nicholas Kaldor hin. Einzige Ausnahme ist Japan, aber dort hat der extreme Aufbau von Kapitalstock zu Überkapazitäten geführt und zur Deflation beigetragen.
Gleichzeitig hat sich die Aufmerksamkeit zum Glück auch in Deutschland immer mehr auf den Bildungsbereich gerichtet. Hier können wichtige Grundlagen für künftiges Wachstum gelegt werden. Allerdings wäre nach Jahrzehnten des Stillstandes nun eine Kraftanstrengung aller Beteiligten nötig. Danach sieht es nach wie vor nicht aus, auch wenn das Land offiziell zur Bildungsrepublik erklärt wird.
Zudem wären einige Veränderungen angebracht, damit in Deutschland noch mehr gute Ideen entwickelt werden, die auch hier umgesetzt werden. Viele dieser Veränderungen gehen an die kulturellen Wurzeln des Landes. Neues entsteht heute oftmals in Zusammenarbeit verschiedener Abteilungen und Disziplinen. Dazu ist viel Vertrauen in die Partner notwendig und eine hohe Kommunikationskompetenz. Ferner sind weniger hierarchische Strukturen eher in der Lage, wichtige Informationen in eine Organisation hineinzutragen und miteinander zu verbinden. Und eine Kultur, in der Fehler und Scheitern als natürliches Nebenprodukt von Neuem anerkannt sind, würde vermutlich auch mehr Ideen umsetzen. Noch ist nicht klar, ob unsere Gesellschaft solche Veränderungen haben möchte.
Gute neue Ideen haben eine wunderbare Wirkung mit eingebauter Kehrseite. Sie ermöglichen es, mit dem gleichen Einsatz von Arbeit mehr oder bessere Produkte herzustellen. Die Volkswirte nennen das Produktivitätswachstum. Andersherum formuliert sind aber für die gleiche Produktionsmenge nun weniger Arbeiter nötig. Innovation schafft also keine Arbeit - zunächst wird sogar weniger davon benötigt. Erst wenn eine Wirtschaft flexibel genug ist, die frei gewordenen Arbeitskräfte anderswo einzusetzen, entsteht mehr Wachstum.
Wie viel Trendwachstum können wir nun erwarten? Vermutlich nur ein bis eineinhalb Prozent. Denn in Deutschland leben immer weniger Menschen. Auch wenn sie etwas mehr arbeiten, reicht das nicht für einen steilen Wachstumspfad; alle Indikatoren deuten auf einen nur minimalen Anstieg des Bildungsniveaus hin. Und ein breiter kultureller Wandel ist bisher höchstens in Ansätzen zu beobachten.
Den gesamten Artikel finden Sie auch auf der Seite der Welt am Sonntag.
]]>Die Kommission räumt selbst ein, dass die Studie nicht das Ende der Bemühungen um breitere Maße des Wohlergehens ist. Der Anfang ist sie allerdings auch nicht. Der Bericht wiederholt viele Argumente und Schlussfolgerungen, die seit Jahrzehnten bekannt sind. Schon 1934 teilte Simon Kuznets, der Erfinder des BIP, dem amerikanischen Kongress mit, dass man vom BIP nicht auf das Wohlergehen eines Landes schließen könne. In den 1970er Jahren erfuhren soziale Indikatoren eine große Nachfrage, teilweise bedingt durch das 1972 veröffentlichte Buch "Die Grenzen des Wachstums". Die Lebensqualität in einem Land sollte nicht nur mit dem BIP, sondern auch mit Indikatoren wie Lebenserwartung, Analphabetenquote, Armutsquote und so weiter eingeschätzt werden. Eine dauerhafte Lösung wurde aber nicht gefunden.
Nicht nur der französische Präsident, sondern wir alle wollen wissen, ob es uns insgesamt besser geht oder nicht. Um das Wohlergehen von Gesellschaften zu bewerten, bieten sich zwei Wege an: Man kann entweder viele Indikatoren überschaubar darstellen oder sie zu einem Index zusammenfassen.
Die erste Möglichkeit eines schön aufbereiteten und leicht zugänglichen Satzes von Indikatoren verfolgt das Statistikamt in Australien. Dort wird zum Beispiel die Lebenserwartung der Australier im Zeitablauf dargestellt, auch unterteilt nach verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Und es wird die australische Entwicklung mit der in anderen Ländern verglichen. Gleiches gilt für Einkommen, Wohnen, Wasserqualität, Kriminalität und viele andere Themen. Eine Gesamteinschätzung kann beziehungsweise muss dann aber jeder Australier individuell treffen, abhängig davon, wie wichtig ihm die verschiedenen Indikatoren sind.
Die zweite Möglichkeit ist, dass sich eine Kommission auf die Gewichtung der Indikatoren einigt und einen Gesamtindex berechnet. Bestes Beispiel für diese Vorgehensweise ist der Index der menschlichen Entwicklung (HDI), den die Vereinten Nationen seit 1990 veröffentlichen. Hier werden Bruttoinlandsprodukt, Bildungsniveau und Lebenserwartung zu einem Index zusammengefasst. Frankreich lag zuletzt auf Platz elf, vier Plätze hinter Schweden und zwölf Plätze vor Deutschland. Hier kann man zwar Länder sehr gut miteinander vergleichen, aber man kann ebenso gut über die verwendeten Indikatoren und deren Gewichtung streiten. Drei so unterschiedliche Indikatoren zu einem Index zusammenzufassen ist keine leichte Aufgabe.
Diese beiden Vorgehensweisen sollten weiterentwickelt werden. Mehr Länder sollten Indikatorensätze für das Wohlergehen überschaubar aufbereiten und leicht zugänglich machen. Und der Index der menschlichen Entwicklung sollte so weiterentwickelt werden, dass auch Vergleiche im Zeitablauf möglich werden und Umweltaspekte einfließen. Die Arbeit an Indikatoren des Wohlergehens ist noch lange nicht beendet.
Der Artikel ist auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau verfügbar.
]]>Drei Gründe sprechen gegen die Verwendung des Begriffs „Exportweltmeister“. Erstens ist hier nur von Gütern die Rede. Zählt man die immer wichtiger werdenden Dienstleistungen mit dazu, so liegen ohnehin die USA vorne. Zweitens ist das Ende der deutschen Exportweltmeisterschaft für Güter angesichts des Aufstiegs von China ohnehin absehbar. Am wichtigsten ist aber der dritte Punkt, die Frage, warum sich eine Gesellschaft für eine solche Weltmeisterschaft interessieren sollte. Welche Vorteile haben die Menschen in Deutschland davon? Ist ein Arbeitsplatz in einer Exportbranche besser als einer im Dienstleistungssektor?
Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist ein reger Austausch mit dem Ausland – also ein hohes Maß an wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Offenheit – von Vorteil. Damit kommen gute Ideen und Methoden nach Deutschland und erlauben hier eine höhere Produktivität. Das einfachste Maß für diese Offenheit ist der Anteil der Ausfuhr am Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes. Mit knapp 50% liegt Deutschland aber deutlich hinter Ländern wie Irland, Belgien, den Niederlanden oder der Schweiz. Kleinere Länder sind in der Regel offener.
Der deutsche Ausfuhranteil ist in den letzten Jahren kräftig gestiegen – von 29% im Jahr 1998 auf 48% im Jahr 2008. Ist dieser Anstieg nachhaltig und sinnvoll? Hier hilft ein Blick in das Stabilitätsgesetz von 1967, in dem die Wirtschaftspolitik verpflichtet wird „gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsgrad und außenwirtschaftlichen Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum“ beizutragen. Das Ziel des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts wird seit 2002 verletzt: So wies Deutschland im Jahr 2008 einen Leistungsbilanzüberschuss von 6,5% des BIP auf. Gerne wird das amerikanische Defizit kritisiert und problematisiert. Einem Defizit dort müssen aber immer ebenso problematische Überschüsse anderswo gegenüber stehen.
Überschüsse lösen sich normalerweise dadurch auf, dass die Währung des Überschusslandes aufwertet, wodurch Güter aus dem Ausland für die deutschen Verbraucher billiger würden. Da dies innerhalb der Währungsunion nicht mehr möglich ist, müssen relative Lohn- und Preisveränderungen die Anpassung übernehmen.
Eng verwandt mit dem deutschen Fokus auf die Exportweltmeisterschaft ist die Idee der Wettbewerbsfähigkeit von Ländern. Hier wurde ein Konzept von der Unternehmensebene fälschlicherweise auf Volkswirtschaften übertragen. Unternehmen sind dann fähig, im Wettbewerb zu bestehen, wenn sie nachhaltig Gewinn erwirtschaften und somit überleben. Für Volkswirtschaften gibt es keine vergleichbare Definition, da sie – von extremen Ausnahmen abgesehen – nicht aus dem Wettbewerb ausscheiden oder von einem Konkurrenten übernommen werden.
Alle Versuche, Wettbewerbsfähigkeit zu messen oder für Volkswirtschaften zu definieren sind gescheitert. Die verschiedenen Indizes der „Wettbewerbsfähigkeit“ besitzen kaum Aussagekraft, da nicht klar ist, was eigentlich gemessen werden soll. Letztlich kommen alle Diskussionen über Wettbewerbsfähigkeit zu einem ähnlichen Ergebnis: sinnvolles Ziel des Wirtschaftens ist der Lebensstandard der Menschen in einem Land.
Der deutsche Fokus auf Exportweltmeisterschaft und Wettbewerbsfähigkeit hat die momentane Krise hierzulande nicht schwächer ausfallen lassen als anderswo. In den letzten Jahren war der Anteil der deutschen Industrie – also der Exportbranchen – am BIP gegen den jahrzehntelangen Abwärtstrend angestiegen. Gleichzeitig nahm der Ausfuhranteil gewaltig zu und ein großes außenwirtschaftliches Ungleichgewicht entstand. Momentan sehen wir eine Bewegung in Richtung des alten Abwärtstrends und eine Verringerung des Ungleichgewichts. In dieser Phase brauchen wir neue Orientierungsgrößen. Ein nachhaltiger Anstieg des privaten Verbrauchs muss wieder oberstes Ziel des Wirtschaftens werden. Das wäre ein Ziel mit wirklicher Bedeutung für die Menschen – welches in den letzten Jahren aber klar verfehlt wurde.