21. September 2006

Warum in einer flachen Welt jeder die gleichen Chancen hat

von Stefan Bergheim

Deutschland ist Exportweltmeister, die DVD-Spieler kommen aus China, und das neue Hemd stammt aus der Türkei. Solche Auswirkungen der Globalisierung erlebt jeder von uns täglich. Genauere Zusammenhänge und die tieferen Ursachen bleiben aber meist verschwommen.
Das nun auf Deutsch erschienene Buch Die Welt ist flach von Thomas L. Friedman bringt Klarheit und Übersicht. Das Buch gibt den Blick frei auf eine Welt, die flacher geworden ist. In dieser flachen Welt finden alle Menschen mit den gleichen Fähigkeiten die gleichen Voraussetzungen vor. Sie können mit anderen Menschen in vielen Ecken der Welt ohne Zeitverzögerung zusammenarbeiten oder mit ihnen in Wettbewerb treten. Auch die Herausforderungen werden größer. Die flache Welt duldet keine ineffizienten Strukturen. Schließlich sind in Friedmans flacher Welt die Zeiten vorbei, in denen wenige das Schicksal aller anderen bestimmten. Das gilt für Industriekonglomerate, für kleine elitäre Führungszirkel und auch für die Jahrhunderte währende Dominanz der westlichen Welt.
Die Kräfte, die dafür sorgen, sind bekannt: der Fall der Mauer, das Glasfaserkabel, der 20-Fuß-Container und das Internet. Friedman illustriert diese Kräfte jedoch so detailliert, dass das Buch selbst für diejenigen ein Gewinn ist, die sich schon seit Jahren mit der Globalisierung befassen. Die Öffnung Indiens hatte beispielsweise viel mit dem Jahr-2000-Problem in der Datenverarbeitung zu tun.
Mit einem Schlag waren so viele englisch sprechende Programmierer gesucht, dass viele Unternehmen Glasfaserkabel von den USA nach Indien legten, um möglichst eng mit den dortigen Fachkräften in Verbindung zu stehen. Ein Jahr später platzte die New-Economy-Blase, und viele Eigner dieser Kabel gingen Pleite. Die Kabel fielen an die Banken, die Nutzungsgebühren ins Bodenlose. Wieder war die Welt etwas flacher geworden.
Friedmans Einblicke beschränken sich nicht auf spannende Details. Er hat das große Ganze im Griff und hilft dem Leser, die vielen Details systematisch einzuordnen. Die Schlussfolgerungen für Unternehmen und Wirtschaftspolitiker bringt der Autor dabei mit ganz einfachen Worten auf den Punkt. Als er klein war, hatten ihm seine Eltern gesagt: Tom, iss deinen Teller leer in China und Indien hungern die Menschen.Heute sagt er selber seinen Töchtern: Mädchen, macht eure Hausaufgaben in China und Indien sind die Menschen hungrig auf eure Jobs.
Bildung ist für Friedman der Weg, um ein Unantastbarer zu werden.Damit meint er Menschen, deren Job nicht einfach ausgelagert, digitalisiert oder automatisiert werden kann. Friedman will jeden Amerikaner auf eine Universität schicken.
Thomas Friedman schreibt aus der Perspektive eines Amerikaners und verwendet amerikanische Unternehmen als Beispiel. Er sieht die US-Gesellschaft (nicht die Unternehmen) schlecht vorbereitet auf die Herausforderungen der flachen Welt. Der deutsche Leser wird dabei schnell feststellen: Wenn die Amerikaner kaum vorbereitet sind, dann sind wir es noch viel weniger. Natürlich sind die Herausforderungen in Deutschland andere als in Amerika. Während Thomas Friedman für die Vereinigten Staaten die Möglichkeit fordert, Betriebsrentenansprüche von einem Arbeitgeber zum nächsten mitzunehmen, und für mehr soziale Sicherung plädiert, würde er für Deutschland wahrscheinlich eine negative Einkommensteuer fordern.
Entscheidend aber ist es, die Zusammenhänge in der flachen Welt zu kennen. Die länderspezifischen Konsequenzen ergeben sich dann von allein.
Thomas L. Friedman: Die Welt ist flach
Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts -
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2006 - 720 S., 26,80
Quelle: Die Zeit