27. Juli 2008

Hurra, wir arbeiten länger!

von Stefan Bergheim

Kaum hat Deutschland ein paar wichtige Schritte auf dem Weg zu mehr Wohlergehen und Lebenszufriedenheit gemacht, da stellen sich schon wieder einige diesem Streben nach Glück entgegen. Klar als Fortschritt sollte verbucht werden, dass seit dem Tiefpunkt im Jahr 2000 deutlich mehr ältere Menschen beschäftigt sind. Damit bewegt sich Deutschland in die Richtung der Länder, in denen Einkommen und Lebenszufriedenheit deutlich höher sind als hierzulande. Und nun wollen manche die Altersteilzeit doch weiterführen und den Fortschritt bremsen.
Viele Argumente für eine längere Lebensarbeitszeit sind hinlänglich bekannt: Die Lebenserwartung der Deutschen steigt jedes Jahr um zweieinhalb Monate – da knirscht es in jedem Rentensystem, wenn man heute noch im gleichen Alter in Rente geht wie 1960. Noch weniger als die Deutschen arbeiten (pro Kopf der gesamten Bevölkerung gerechnet) in Europa nur die Italiener und die Franzosen – ein Mangel an kollektiver Freizeit kann also nicht Motiv für den Ruf nach geförderter Altersteilzeit sein.
Wichtiger als diese beiden Argumente mag aber sein, dass Arbeit zur Erfüllung und Lebenszufriedenheit jedes Einzelnen und damit der gesamten Gesellschaft beiträgt. Gut, die Arbeit an sich schmeckt nicht immer. Aber die Kontakte zu Kollegen am Arbeitsplatz und nach der Arbeit fördern erwiesenermaßen das Glück der Menschen. Viele Studien haben gezeigt, dass ein Arbeitsloser auch dann deutlich unglücklicher ist, wenn sein Einkommen ebenso hoch ist wie vor der Arbeitslosigkeit. Irgendetwas scheint ihm zu fehlen. Die Suche nach sozialen Kontakten erklärt auch, wieso sich viele Menschen im Alter in Initiativen oder für wohltätige Zwecke engagieren.
Vergleicht man ganze Gesellschaften miteinander, so zeigt sich, dass Länder mit hoher Lebenszufriedenheit auch eine hohe Beschäftigungsquote älterer Menschen aufweisen. In Schweden, Dänemark, der Schweiz und den USA arbeiten mehr als 60 Prozent aller Menschen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren – und dieser Anteil steigt fast jedes Jahr. In allen Umfragen zur Lebenszufriedenheit belegen diese Länder die obersten Plätze klar vor Deutschland. Wir haben den Beschäftigungsanteil Älterer seit dem Jahr 2000 immerhin von unter 40 auf 50 Prozent angehoben. Auf diesem Niveau darf aber nicht Schluss sein. Ein Anteil von 70 Prozent ist auch für Deutschland ein sinnvolles Ziel. In den führenden Ländern wird die Beschäftigungsquote der Menschen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren bald ähnlich hoch sein wie die der 35- bis 54-Jährigen. Somit wird die OECD wohl bald eine Beschäftigungsquote für Menschen im Alter von 65 bis 74 Jahren veröffentlichen müssen, um Unterschiede zwischen Altersgruppen sinnvoll abzubilden.
Eine hohe Beschäftigungsquote älterer Menschen ist sicherlich nicht die einzige Ursache für hohe Lebenszufriedenheit. In den genannten Ländern ist der Arbeitsmarkt insgesamt so gut organisiert, dass die Arbeitslosenquote deutlich unter dem Niveau in Deutschland liegt. Zudem ist der Arbeitsplatzschutz dort weniger strikt als hierzulande und die wirtschaftliche Freiheit, der Anteil der Menschen mit Hochschulausbildung und sogar die Geburtenraten sind höher als in Deutschland. Gesellschaftlicher Fortschritt hat viele Dimensionen, die aber eng miteinander verknüpft sind. Geld der Steuerzahler wird in zufriedenen Gesellschaften eher für frühkindliche Erziehung als für Frühverrentung ausgegeben.
Natürlich soll jeder Mensch die Freiheit behalten, dann in Rente zu gehen, wenn er das möchte – nur eben ohne zusätzliche Förderung. Wer im Alter mit wenig Geld auskommen mag, der soll auch mit 60 aufhören können. Gleiches gilt für denjenigen, der kräftig privat vorsorgt, um einen komfortablen Lebensabend zu genießen. Individuelle Freiheit ist ein wichtiger Baustein menschlicher Zufriedenheit. Zu einer glücksfördernden Beschäftigung älterer Menschen gehört natürlich ein großes Maß an Flexibilität der Unternehmen und jedes Einzelnen. In anderen Ländern ist es möglich, dass ein gelernter Dachdecker in höherem Alter an der Supermarktkasse arbeitet. Auch in Deutschland sollte das als gesellschaftlicher Fortschritt angesehen werden.
Quelle: Die Welt