19. April 2009

Vom klügeren Umgang mit der Zukunft

von Stefan Bergheim

Der Wettlauf geht weiter: Die Prognosen über die Veränderung des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) in diesem Jahr werden mit hoher Geschwindigkeit nach unten revidiert. Vor einem Jahr hatten die Auguren im Durchschnitt noch einen Anstieg von 1,6 Prozent erwartet. Mittlerweile sind minus vier bis minus fünf Prozent die neuen Maßstäbe. Der Wettbewerb um die niedrigste Prognose ist in vollem Gange.
Die Dramatik und die Größenordnung der Revisionen sind neu, die Systematik der Fehler aber bekannt. So lagen die BIP-Prognosen für das Jahr 2003 noch Mitte 2002 um fast drei Prozentpunkte über dem Endergebnis. Momentan mehren sich auch wieder die selbstkritischen Stimmen aus dem Lager der Konjunkturforscher. Doch vermutlich wird das alles aber wenig daran ändern, dass sich 90 Prozent der Prognostiker selbst für überdurchschnittlich präzise halten - so wie sich 90 Prozent der Autofahrer für überdurchschnittlich gut halten.
Das Grundproblem ist natürlich, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist. Schließlich beruht sie teilweise auf künftigen Entscheidungen, die wir uns heute gar nicht vorstellen können. Zudem menschelt es in der Wirtschaft. Und das können auch große, mathematisch ausgereifte Modelle nicht abbilden. Wichtige Veränderungen lassen sich mit Daten der Vergangenheit nicht vorhersagen. Gerade die momentane Krise hat das gezeigt: Geschäftsmodelle, die jahrelang erfolgreich waren, können plötzlich zu großen Verlusten führen.
Noch wichtiger ist aber die Frage, ob Punktprognosen überhaupt einen großen Mehrwert liefern, der über die höhere Sichtbarkeit des Prognostikers hinausgeht. Helfen sie Unternehmen und Regierungen dabei, sich besser auf die Zukunft vorzubereiten und bessere Entscheidungen zu treffen? Vermutlich ganz im Gegenteil: Die Orientierung an einer Punktprognose führt zu Entscheidungen, die nur in dem seltenen Fall sinnvoll sind, dass diese eine Prognose auch tatsächlich eintritt. Von wichtigeren Fragen lenkt dieses Vorgehen eher ab.
Notwendig ist ein breit angelegter Prozess des offenen Nachdenkens über die Zukunft. Die Analyse der eigenen Handlungsoptionen darf nicht erst beginnen, wenn wirklich jedem klar ist, dass alles anders kommt als erwartet. Eine gute Analyse der Zukunft ist nicht unbedingt durch eine korrekte Prognose zu charakterisieren. Sie muss vielmehr auf neue Entwicklungen eingehen, mögliche Überraschungen ansprechen und uns mental wie organisatorisch auf verschiedene Zukünfte vorbereiten. Eine solche Analyse wirft Licht auf unbekanntes Terrain, stellt Annahmen infrage, zwingt uns, die richtigen Fragen zu stellen, und lässt uns die größten Unsicherheiten erkennen.
Es ist auch klar, dass man diese Analyse nicht einer einzelnen Disziplin überlassen darf wie zum Beispiel den Volkswirten. Vielmehr müssen Denkmuster, Menschenbilder, Methoden und Erfahrungen aus vielen Disziplinen zusammenkommen, damit ein möglichst breites Spektrum an Themen diskutiert werden kann. Physiker, Soziologen, Biologen, Historiker, Psychologen, Philosophen, Mediziner und andere sollten eingebunden werden.
Ein Produkt solchen Nachdenkens sind mehrere Szenarien über die Zukunft. Szenarien sind nicht nur schlicht die Basisprognose plus eine Portion mehr oder eine Portion weniger. Vielmehr dienen sie dazu, wichtige Abhängigkeiten, kritische Unsicherheiten, weiße Flecken auf der eigenen Landkarte und offene Fragen herauszuarbeiten. Unwahrscheinliche Ereignisse werden nicht als Spinnereien abgetan, sondern sind Ausgangspunkt strukturierten Nachdenkens.
Dieses breit angelegte Nachdenken hat zwei weitere Konsequenzen. Erstens können Trends identifiziert werden, die recht stabil und belastbar sind und somit doch einige hilfreiche Informationen über die Zukunft liefern können. Die zunehmende Lebenserwartung und eine wachsende Bedeutung des Dienstleistungssektors gehören zu diesen Trends. Zweitens können aus der Szenarioanalyse Indikatoren abgeleitet werden, an denen wir zeitnah erkennen können, auf welche Zukunft wir uns zubewegen.
Auch vor der aktuellen Krise haben viele Menschen gewarnt. Vor zwei Jahren war nicht klar, dass sie recht behalten würden. Wäre unser Denken aber darin geschult, mit Szenarien zu arbeiten, dann hätten wir diese Warnungen beachtet und Notfallpläne entworfen. Neben der rückwärtsgewandten Suche nach den Ursachen sollten wir uns so bald als möglich in einem klügeren Umgang mit der Zukunft üben.
Für Unternehmen bedeutet ein kluger Umgang mit der Zukunft, dass man sich schnell an unerwartete Veränderungen des Umfeldes anpassen kann. Ein Beispiel für den Wert einer Szenarioanalyse liefert der Ölkonzern Shell, der seit Anfang der 70er-Jahre damit arbeitet. Eines der vielen Szenarien beinhaltete damals einen kräftigen Anstieg des Ölpreises aufgrund von politischen Verwerfungen im Nahen Osten. Als dann der Jom-Kippur-Krieg 1973 den Ölpreis nach oben trieb, war der Konzern besser darauf vorbereitet als andere.
Auch Gesellschaften müssen sich an Entwicklungen anpassen. Wichtiger ist hier aber die Möglichkeit, Zukunft zu gestalten. Einrichtungen der Regierungen von Irland und Singapur versuchen das bereits. Ein breit angelegtes Nachdenken über die Zukunft fördert wichtige Fragen zu den gesellschaftlichen Prioritäten zutage. Nur wenn Antworten auf diese Fragen gefunden sind, lassen sich wünschenswerte Zukünfte identifizieren - und die Maßnahmen, die notwendig sind, um dorthin zu kommen.
Der komplette Beitrag findet sich auf der Seite der Welt am Sonntag.
Quelle: Welt am Sonntag