1. August 2009

Nudge: zum Nachdenken und Anwenden empfohlen

von Stefan Bergheim

Das Buch „Nudge“ (der Stups) ist eine echte Rarität: Wissenschaftler, die über die Grenzen ihrer Disziplinen hinweg zusammenarbeiten, die ihre Ergebnisse in einer für jeden verständlichen Sprache präsentieren und sich zudem noch mit den ganz großen Themen befassen: Gesundheit, Wohlstand und Lebenszufriedenheit. Nun erscheint das Werk der Autoren Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein auch auf Deutsch. Thaler ist Verhaltensökonom an der Universität Chicago, kombiniert also Einblicke aus Psychologie und Volkswirtschaftslehre. Der Schüler des Psychologen und Ökonomie-Nobelpreisträgers Daniel Kahneman sucht nach sinnvollen rechtlichen Rahmenbedingungen für menschliches Handeln und arbeitet daher mit dem Jura-Professor und Obama-Berater Sunstein zusammen.

Nudge baut auf der Erkenntnis auf, dass sich Menschen – auch die gut gebildeten – in vielen Fällen nicht wie rationale Optimierer (der homo oeconomicus) verhalten. Mit einem kleinen Stups sollen sie zu Entscheidungen gebracht werden, die sie dann treffen würden, wenn sie dem Thema volle Aufmerksamkeit schenken würden, vollständige Information, unbeschränkte kognitive Fähigkeiten und vollständige Selbstkontrolle hätten. Dabei muss aber immer die Möglichkeit bestehen, zu möglichst geringen Kosten eine völlig freie Wahl zu treffen. Vorschriften oder Verbote sind nicht Teil des Ansatzes von Nudge.

Diese Entscheidungsprobleme treten vor allem in Situationen auf, mit denen die Menschen wenig Erfahrung haben, über die sie relativ schlecht informiert sind und wo Rückmeldungen über Erfolge oder Schäden selten oder nur sehr spät kommen. Das ist speziell bei den Themen Altersvorsorge und Gesundheit der Fall. Werbung und Marketing nutzen diese Erkenntnisse seit Jahrzehnten für ihre Zwecke. Es ist an der Zeit, dass Politik und Gesellschaft diese Ideen ebenfalls berücksichtigen.

Thaler und Sunstein weisen darauf hin, dass alle unsere Entscheidungen in einem Rahmen stattfinden, den irgendwer geschaffen hat: Kommt in der Kantine zuerst der Obstsalat oder zuerst der Schokopudding? Welche Ausgangssituation wird in einer kapitalgedeckten Altersvorsorge gesetzt: muss man aktiv etwas unternehmen um dabei zu sein oder zahlt jeder automatisch ein – mit der Option sofort austreten zu können? In den Modellen der neoklassischen Ökonomen macht das keinen Unterschied, für die Menschen aber sehr wohl. Studien zeigen, dass 65% in eine Altersvorsorge einzahlen, wenn man aktiv eintreten muss, aber 95% wenn man aktiv austreten muss. Angewandt auf deutsche Themen bedeutet dies, dass die Riester-Rente ein viel größerer Erfolg geworden wäre, wenn jeder Arbeitnehmer einen Brief mit Rückumschlag bekommen hätte, wo er „nein, ich möchte nicht teilnehmen“ hätte ankreuzen müssen. Bei den meisten Menschen wäre dieser Brief in irgendeiner Ablage verstaubt. Warum sind wir diesen Weg nicht gegangen? Wollten wir doch nicht so viel zusätzliche Altersvorsorge?

Eine Annahme der Autoren ist, dass gesündere Ernährung und höhere Altersvorsorge individuell wie gesellschaftlich wünschenswert sind. Was wünschenswerte Zustände sind muss aber breit diskutiert werden; sie müssen demokratisch legitimiert sein und transparent in die Formulierung der Regeln einfließen. Das ist nicht immer leicht: wenn wir beispielsweise als Gesellschaft mehr Organtransplantationen haben wollen, dann könnten wir ähnlich wie in Spanien oder Österreich die Organspende als Standard annehmen, dem jeder Einzelne aber – in Umkehrung der heutigen Vorgehensweise – widersprechen kann. Möchten wir das?

Thaler und Sunstein nennen ihren Ansatz selber „Libertären Paternalismus“, was aber etwas irreführend ist und fälschlicherweise zu Kritik führen kann. Paternalismus liegt dann vor, wenn jemand seine eigenen Vorlieben und Entscheidungen anderen überstülpt. Dagegen geht es hier darum, Menschen zu erlauben die langfristig besten Entscheidungen nach ihren eigenen Vorlieben zu treffen. Wer mit der Vorgabe wie zum Beispiel bei Altersvorsorge oder Organspende nicht einverstanden ist, hat immer die Chance sie abzuwählen. Vorgaben sind so gut wie überall nötig – warum dann nicht gesellschaftlich sinnvolle wählen?

Mit dem Ansatz von Thaler und Sunstein können natürlich nicht alle Fragen beantwortet werden. Die optimale Regulierung von Finanzmärkten lässt sich dem Buch ebenso wenig entnehmen wie der ideale Umgang mit gewalthaltigen Computerspielen für Kinder. Aber für die meisten Fragen wäre es sicherlich von Vorteil, wenn Regulierung von Menschen mit all ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten ausginge und nicht von einem Idealbild, das sich Volkswirte vor Jahren ausgedacht haben um ihre mathematischen Modelle handhabbar zu machen.

Über die vielen eindrucksvollen Einzelbeispiele hinaus wäre zu wünschen, dass der Ansatz von Thaler und Sunstein eine weiterführende gesamtwirtschaftliche Debatte anstößt: wie hoch ist der Anteil an Transaktionen in unserem Bruttoinlandsprodukt, bei denen Menschen vermutlich nicht wie der homo oeconomicus agiert haben? Ist er in anderen Ländern höher oder niedriger? Wann ist der Anteil aus welchen Gründen besonders stark gestiegen? Spielen das Bildungs- und das Entwicklungsniveau eine Rolle?

Stefan Bergheim & Roland Beck
Quelle: Börsen-Zeitung