17. September 2009

Die Arbeit hat begonnen

von Stefan Bergheim

Im Bericht der Kommission des französischen Präsidenten werden auf 300 Seiten die Grenzen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausführlich beschrieben, der Wert objektiver und subjektiver Maße der Lebensqualität betont und die Bedeutung von Nachhaltigkeit unterstrichen. Nur leider wissen wir nach eineinhalb Jahren Kommissionsarbeit noch immer nicht, ob es den Franzosen heute besser geht als vor zehn oder 20 Jahren. Und wir wissen auch nicht, ob es den Franzosen besser geht als beispielsweise den Deutschen oder den Schweden.

Die Kommission räumt selbst ein, dass die Studie nicht das Ende der Bemühungen um breitere Maße des Wohlergehens ist. Der Anfang ist sie allerdings auch nicht. Der Bericht wiederholt viele Argumente und Schlussfolgerungen, die seit Jahrzehnten bekannt sind. Schon 1934 teilte Simon Kuznets, der Erfinder des BIP, dem amerikanischen Kongress mit, dass man vom BIP nicht auf das Wohlergehen eines Landes schließen könne. In den 1970er Jahren erfuhren soziale Indikatoren eine große Nachfrage, teilweise bedingt durch das 1972 veröffentlichte Buch "Die Grenzen des Wachstums". Die Lebensqualität in einem Land sollte nicht nur mit dem BIP, sondern auch mit Indikatoren wie Lebenserwartung, Analphabetenquote, Armutsquote und so weiter eingeschätzt werden. Eine dauerhafte Lösung wurde aber nicht gefunden.

Nicht nur der französische Präsident, sondern wir alle wollen wissen, ob es uns insgesamt besser geht oder nicht. Um das Wohlergehen von Gesellschaften zu bewerten, bieten sich zwei Wege an: Man kann entweder viele Indikatoren überschaubar darstellen oder sie zu einem Index zusammenfassen.

Die erste Möglichkeit eines schön aufbereiteten und leicht zugänglichen Satzes von Indikatoren verfolgt das Statistikamt in Australien. Dort wird zum Beispiel die Lebenserwartung der Australier im Zeitablauf dargestellt, auch unterteilt nach verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Und es wird die australische Entwicklung mit der in anderen Ländern verglichen. Gleiches gilt für Einkommen, Wohnen, Wasserqualität, Kriminalität und viele andere Themen. Eine Gesamteinschätzung kann beziehungsweise muss dann aber jeder Australier individuell treffen, abhängig davon, wie wichtig ihm die verschiedenen Indikatoren sind.

Die zweite Möglichkeit ist, dass sich eine Kommission auf die Gewichtung der Indikatoren einigt und einen Gesamtindex berechnet. Bestes Beispiel für diese Vorgehensweise ist der Index der menschlichen Entwicklung (HDI), den die Vereinten Nationen seit 1990 veröffentlichen. Hier werden Bruttoinlandsprodukt, Bildungsniveau und Lebenserwartung zu einem Index zusammengefasst. Frankreich lag zuletzt auf Platz elf, vier Plätze hinter Schweden und zwölf Plätze vor Deutschland. Hier kann man zwar Länder sehr gut miteinander vergleichen, aber man kann ebenso gut über die verwendeten Indikatoren und deren Gewichtung streiten. Drei so unterschiedliche Indikatoren zu einem Index zusammenzufassen ist keine leichte Aufgabe.

Diese beiden Vorgehensweisen sollten weiterentwickelt werden. Mehr Länder sollten Indikatorensätze für das Wohlergehen überschaubar aufbereiten und leicht zugänglich machen. Und der Index der menschlichen Entwicklung sollte so weiterentwickelt werden, dass auch Vergleiche im Zeitablauf möglich werden und Umweltaspekte einfließen. Die Arbeit an Indikatoren des Wohlergehens ist noch lange nicht beendet.

Der Artikel ist auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau verfügbar.

Quelle: Frankfurter Rundschau