1. November 2009

Arbeit schafft Wachstum

von Stefan Bergheim

Die Zeit heilt alle Wunden - sagt der Volksmund.Und Wirtschaftswachstum heilt alle Probleme. Diesen Eindruck erweckte zumindest die CDU im Wahlkampf und nun die schwarz-gelbe Koalition. "Wachstum schafft Arbeit", lautete ein Wahlkampfslogan. Wachstum sichert laut Präambel des Koalitionsvertrages soziale Gerechtigkeit. Und Wachstum löst die Probleme der Staatsverschuldung.

Aus mindestens drei Gründen ist diese Sichtweise problematisch. Erstens stellt zumindest der Slogan "Wachstum schafft Arbeit" die Wirkungsrichtung auf den Kopf. Zweitens könnte die Hoffnung auf das Allheilmittel Wachstum die Aufmerksamkeit von anderen Lösungen für die Probleme ablenken. Und drittens ist langfristig vermutlich nur ein eher schwaches Wirtschaftswachstum von gut ein Prozent pro Jahr zu erwarten.

Wenn Volkswirte von Wachstum sprechen, dann denken sie an eine lange Frist, an mindestens vier Jahre. Alles darunter wird als Konjunktur bezeichnet. Das langfristige Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird auch Potenzialwachstum oder Trendwachstum genannt. Um diesen Trend herum gibt es konjunkturelle Schwankungen, die von Kapitalmärkten, Wechselkursen, Zentralbankzinsen oder staatlichen Ausgabenprogrammen bestimmt werden. Der Absturz der Konjunktur seit gut einem Jahr war sehr ungewöhnlich. Nach solch einem Absturz muss das BIP wieder überdurchschnittlich stark steigen, um auf seinen Trend zurückzukommen. Daher ist es gut möglich, dass die ersten Jahre der neuen Legislaturperiode hohe Anstiege des BIP bringen werden. Mit langfristigem Wachstum hat das aber wenig zu tun. Dafür sind andere Faktoren verantwortlich.

Arbeit schafft Wachstum: Das ist, der Wachstumsforschung zufolge, die Wirkungsrichtung. Wer mehr arbeitet, kann auch mehr produzieren. Zwar gibt es hier eine natürliche Obergrenze: Der Tag hat nur 24 Stunden. Aber von dieser Grenze sind wir in Deutschland weit entfernt. Im Jahr 2008 wurde in Deutschland pro Einwohner im Durchschnitt weniger als zwei Stunden pro Tag in der Wirtschaft gearbeitet. Rechnet man die Wochenenden heraus, sind es 2,7 Stunden pro Werktag und Einwohner. Damit liegt Deutschland im Vergleich der OECD-Länder am unteren Rand und wird nur von Frankreich deutlich unterboten. Im Mittel der Länder wird 20 Prozent mehr gearbeitet als bei uns.

Eine Erklärung für den geringen Arbeitseinsatz in Deutschland ist natürlich die hohe Arbeitslosenquote. Eine Politik für mehr Arbeit könnte sich an den Modellen in den Niederlanden und Dänemark orientieren, die mit ihrer Mischung aus Flexibilität und Sicherheit auch im August 2009 Arbeitslosenquoten von lediglich 3,5 Prozent beziehungsweise 5,9 Prozent erreichten. In Deutschland waren es trotz der milliardenschweren staatlichen Unterstützung für die Kurzarbeit 7,7 Prozent. Ein deutlicher Rückgang der Quote würde nicht nur die Lebenszufriedenheit der Deutschen erhöhen, sondern auch mehr Wirtschaftswachstum bedeuten.

Ein noch wichtigerer Grund für den niedrigen Arbeitseinsatz pro Kopf der Bevölkerung liegt darin, dass die Menschen in Deutschland heute ebenso wie im Jahr 1968 mit etwa 61 Jahren in Rente gehen - obwohl sich die Restlebenserwartung eines 61-jährigen Bürgers seither fast verdoppelt hat. Resultat ist, dass Deutschland heute fast 25 Millionen Rentner zählt. Das entspricht 30 Prozent der Bevölkerung. Vor 40 Jahren waren es nur 15 Prozent. Nicht nur die Rentenversicherungen werden dadurch belastet. Auch das Wirtschaftswachstum fiel wegen des sinkenden Arbeitseinsatzes niedriger aus.

Wenn Gesellschaft und Politik in Deutschland mehr Arbeit möchten, dann sind sinkende Bevölkerungsanteile in Arbeitslosigkeit und Rente wichtige Bausteine. Ob die im Koalitionsvertrag erwähnten Maßnahmen zum ersten Punkt wirken werden, kann man bezweifeln. Zum zweiten Punkt findet sich nur eine kurze Floskel.

Immerhin ist es in den letzten Jahren um die früher oft bemühte Investitionsschwäche als Grund für niedriges Wachstum und Beschäftigung deutlich ruhiger geworden. Es hat sich wohl die Einsicht durchgesetzt, dass der Bestand an Sachkapital einer Volkswirtschaft immer nur so schnell wächst wie das Bruttoinlandsprodukt - darauf wies schon 1957 der britische Ökonom Nicholas Kaldor hin. Einzige Ausnahme ist Japan, aber dort hat der extreme Aufbau von Kapitalstock zu Überkapazitäten geführt und zur Deflation beigetragen.

Gleichzeitig hat sich die Aufmerksamkeit zum Glück auch in Deutschland immer mehr auf den Bildungsbereich gerichtet. Hier können wichtige Grundlagen für künftiges Wachstum gelegt werden. Allerdings wäre nach Jahrzehnten des Stillstandes nun eine Kraftanstrengung aller Beteiligten nötig. Danach sieht es nach wie vor nicht aus, auch wenn das Land offiziell zur Bildungsrepublik erklärt wird.

Zudem wären einige Veränderungen angebracht, damit in Deutschland noch mehr gute Ideen entwickelt werden, die auch hier umgesetzt werden. Viele dieser Veränderungen gehen an die kulturellen Wurzeln des Landes. Neues entsteht heute oftmals in Zusammenarbeit verschiedener Abteilungen und Disziplinen. Dazu ist viel Vertrauen in die Partner notwendig und eine hohe Kommunikationskompetenz. Ferner sind weniger hierarchische Strukturen eher in der Lage, wichtige Informationen in eine Organisation hineinzutragen und miteinander zu verbinden. Und eine Kultur, in der Fehler und Scheitern als natürliches Nebenprodukt von Neuem anerkannt sind, würde vermutlich auch mehr Ideen umsetzen. Noch ist nicht klar, ob unsere Gesellschaft solche Veränderungen haben möchte.

Gute neue Ideen haben eine wunderbare Wirkung mit eingebauter Kehrseite. Sie ermöglichen es, mit dem gleichen Einsatz von Arbeit mehr oder bessere Produkte herzustellen. Die Volkswirte nennen das Produktivitätswachstum. Andersherum formuliert sind aber für die gleiche Produktionsmenge nun weniger Arbeiter nötig. Innovation schafft also keine Arbeit - zunächst wird sogar weniger davon benötigt. Erst wenn eine Wirtschaft flexibel genug ist, die frei gewordenen Arbeitskräfte anderswo einzusetzen, entsteht mehr Wachstum.

Wie viel Trendwachstum können wir nun erwarten? Vermutlich nur ein bis eineinhalb Prozent. Denn in Deutschland leben immer weniger Menschen. Auch wenn sie etwas mehr arbeiten, reicht das nicht für einen steilen Wachstumspfad; alle Indikatoren deuten auf einen nur minimalen Anstieg des Bildungsniveaus hin. Und ein breiter kultureller Wandel ist bisher höchstens in Ansätzen zu beobachten.

Den gesamten Artikel finden Sie auch auf der Seite der Welt am Sonntag.

Quelle: Welt am Sonntag