17. Februar 2010

Stärkt den Konsum!

von Stefan Bergheim

Deutschland hat die Rezession hinter sich gelassen und steht am Anfang eines neuen Aufschwungs. Leider scheinen wir einen Fehler zu wiederholen, der die Rezession hierzulande so überdurchschnittlich stark ausfallen ließ. Denn wieder ruhen die Hoffnungen vieler Beobachter auf dem Export als dem Motor der Wirtschaft. Die Lehren aus dem schmerzhaften Absturz der Exporte in der jüngsten Rezession sind wohl nicht gezogen worden: Wir können als Land nicht durch den Nettoexport immer weiter wachsen. Der Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz von knapp 8 Prozent des BIP im Jahr 2007 war ein klarer Verstoß gegen das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967.

Es ist an der Zeit, den Konsum wieder zum obersten Ziel des Wirtschaftens zu machen. Die Wirtschaft ist dazu da, Güter und Dienstleistungen zu erstellen, mit denen die Menschen eines Landes ihre materiellen Bedürfnisse befriedigen können. Auch für Ludwig Erhard stand der Konsum im Mittelpunkt des Wirtschaftens. In seinem Buch „Wohlstand für Alle“ war für ihn „der Mensch, insbesondere in seiner Funktion als Verbraucher“ die Orientierungsgröße für die Wirtschaftspolitik. Sicherlich ist der Konsum nicht der einzige Weg zur Zufriedenheit, aber er ermöglicht vieles andere. Nochmals Erhard: „wenn die materielle Basis der Menschen geordnet ist, werden diese selbst frei und reif für ein höheres Tun.“

Mehr Konsum bedeutet nicht mehr wie in den 1960er Jahren einen größeren Sonntagsbraten oder eine neue Waschmaschine. Der Zuwachs kommt heute aus ganz anderen Bereichen: dem Wohnen und von Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheit. Bis Ende der 1990er Jahre leisteten sich die Deutschen immer größere Wohnungen, so dass die Mietzahlungen heute mit einem Anteil von 16 Prozent den größten Posten im inländischen Konsum stellen. Viele andere, personenbezogene Dienstleistungen sind nach wie vor unterentwickelt, da insbesondere die Märkte für Bildung und Gesundheit von staatlichen Zahlern dominiert werden. Für mehr privaten Konsum auf freien Märkten ist hier noch viel Luft nach oben.

In den letzten Jahren wurde das wirtschaftliche Ziel eines steigenden Konsums in Deutschland klar verfehlt. Von 2001 bis 2008 stieg der private Verbrauch inflationsbereinigt insgesamt um lediglich ein Prozent – was den letzten Platz unter 21 reichen Ländern bedeutet. Andere konnten im gleichen Zeitraum Anstiege um 15 bis 20 Prozent verzeichnen: Frankreich, Dänemark, Spanien und die USA. Noch kräftiger war der Zuwachs mit rund 30% in Kanada, Australien und Norwegen.

Der öffentliche Aufschrei gegen diese Zielverfehlung ist in Deutschland bisher ausgeblieben. Aber es gibt Menschen, die Konsequenzen aus dieser unbefriedigenden Situation ziehen. Die genannten Länder mit dem kräftigen Anstieg des privaten Verbrauchs zählen zu den beliebtesten Zielen deutscher Auswanderer. Offenbar haben diese eine hohe Attraktivität für viele Deutsche.

Der schwache deutsche Konsum hat viele Ursachen. Die Konzentration von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Exportweltmeisterschaft“ hat zu einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse weg von den Arbeitnehmern geführt. Somit haben viele Jahre Lohnzurückhaltung den Konsum gedämpft. Zudem ließ die Anhebung der Mehrwertsteuer die Preise anstiegen und somit die reale Kaufkraft der kleinen Lohnzuwächse sinken. Außerdem sparten die Deutschen mehr: Haushalte mit hohem Einkommen und einer hohen Sparquote profitierten von kräftig steigenden Gewinneinkommen, wodurch die gesamte Sparquote stieg. Der Konsum insgesamt wurde geschwächt.

Um dem Konsum wieder seinen Platz als oberstes Ziel des Wirtschaftens zukommen zu lassen und ihn ähnlich zunehmen zu lassen wie in anderen Ländern, sind weder Konsumschecks noch Steuergeschenke notwendig. Vielmehr geht es um eine gleichgewichtige Entwicklung, in der alle Beteiligten wissen, dass das Ziel der Konsum und nicht der Export ist. Höhere Löhne sind dann in manchen Branchen eher zu rechtfertigen, wenn nicht mehr alles einer schwammig definierten „internationalen Wettbewerbsfähigkeit“ untergeordnet wird. Steuererhöhungen, die den Konsum belasten, sollten unterbleiben. Ein Satz von Ludwig Erhard lässt sich auch auf die Frage nach den Zielen des Wirtschaftens anwenden: „Diese Prinzipien sind nur dann zu verwirklichen, wenn die öffentliche Meinung entschlossen ist, ihnen Vorrang vor egoistischen Sonderinteressen einzuräumen.“

Quelle: Die Welt