26. April 2010

Prioritäten für die Stiftungsarbeit finden

von Stefan Bergheim

Stiftungen stehen immer wieder vor den gleichen Fragen. Welche Projekte sollen weitergeführt werden? Welche Projekte sollen neu gefördert werden? Diese Entscheidungen sind nicht einfach, denn Ressourcen sind begrenzt und oft ist nicht klar definiert, wie die Prioritäten für die Stiftungsarbeit bestimmt werden.

Die Bürgerstiftungen in Kanada standen vor den gleichen Herausforderungen. Vor einigen Jahren habe sie mit dem Projekt „Vital Signs of Canada“ begonnen, systematisch die Vitalität der Städte zu erfassen in denen sie arbeiten. Damit sollen signifikante Trends in zehn Themenbereichen erkannt werden, die für die Lebensqualität der Menschen wichtig sind: Gesundheit, Bildung, Sicherheit, Ungleichheit, Wohnen, Arbeiten, Zusammenhalt, Kultur, Umwelt sowie Startbedingungen. Aus deren Bewertungen durch Bürger und Wissenschaftler werden dann Prioritäten für die Stiftungsarbeit abgeleitet. Aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Bereiche ergeben sich immer wieder neue, relevante Einblicke.

Die Region Vancouver beispielsweise zeigt, wie wertvoll und wirksam eine solche Vorgehensweise sein kann. Dort arbeiten Stiftungen, Stadt, Presse, Bürgerinitiativen, Wissenschaftler, Unternehmen und viele andere gemeinsam daran, dass die Region so gesund, wohlhabend und fair wie nur möglich wird. Die Bürger werden befragt, was aus ihrer Sicht die wichtigsten Herausforderungen für die Region sind. Mehr als 1000 Einwohner vergeben regelmäßig Schulnoten zu den relevanten Themen.

Im Jahr 2008 standen Verkehrsprobleme ganz oben auf der Sorgen-Liste der Bürger, da aufgrund der hohen Mieten in der Innenstadt viele Menschen in den Vororten mit langen Arbeits- und Schulwegen leben. Für die Stiftungsarbeit wurde daraus ein konkretes Projekt entwickelt, in dem Migranten, Flüchtlingen und obdachlosen Jugendlichen Bustickets zur Verfügung gestellt werden. Dies können Tickets zu Arbeit, Integration und einem besseren Leben sein. Für die Stiftung und die Stadt kann es gut angelegtes Geld sein.

In Deutschland ist diese systematische Ableitung von Prioritäten mit Hilfe einer breit angelegten Analyse der Lebensverhältnisse der Menschen bisher kaum entwickelt. Dies gilt sowohl auf der lokalen wie auch auf der nationalen Ebene – die sich gegenseitig ergänzen und befruchten müssen. Nun bekommt die Wohlergehensmessung auf nationaler Ebene auch in Deutschland immer mehr Fürsprecher. Auslöser dafür war die vom französischen Präsidenten Sarkozy eingesetzte Kommission, die unter Leitung der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen im Herbst 2009 ihren Abschlussbericht vorlegte. In Deutschland machen sich der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin und der Bundesfinanzminister für breitere Maße von Wohlergehen, Fortschritt und Lebensqualität stark.

Neben staatlichen Initiativen tritt in der Zivilgesellschaft das „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ für eine systematische Erfassung der gesamtgesellschaftlichen Situation ein, auf deren Basis dann politische Entscheidungen getroffen werden können. Das Zentrum wurde Ende 2008 als unabhängige Denkfabrik nach angelsächsischem Muster gegründet. Es will mit fundierten und kreativen Analysen und Diskussionsbeiträgen die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Fortschritt, Wohlstand und Wohlergehen der Menschen in Deutschland verbessern. Als einziger deutscher Korrespondent ist das Zentrum im globalen Fortschrittsprojekt der OECD aktiv, das als Netzwerk die verschiedenen Projekte rund um den Globus miteinander verbindet ohne zentrale Standards vorzuschreiben.

Quelle: Stiftungsmanagement der BW-Bank