5. November 2010

Nachhaltigkeit und Fortschritt umfassend messen

von Stefan Bergheim

Nachhaltigkeit bedeutet, dass es künftigen Generationen mindestens so gut gehen wird wie der Generation davor. Fortschritt bedeutet mehr: jeder künftigen Generationen geht es besser als der Generation davor. Rückschritt ist die weniger attraktive dritte Option. Um Aussagen über Fortschritt, Nachhaltigkeit oder Rückschritt treffen zu können, müssen wir definieren und messen was für uns – und nach unserer Einschätzung vermutlich auch für künftige Generationen – ein gutes Leben und Wohlstand ausmachen. Erst auf dieser Basis können wir politische Strategien und gesellschaftliche Prioritäten festlegen.

Somit haben wir heute die Verantwortung, der nächsten Generation so viel Vermögen zu hinterlassen, dass diese mindestens unseren Wohlstand erreichen kann und der folgenden Generation wiederum hinreichend viel Vermögen weitergeben kann. Der Vermögensbegriff muss dazu so weit wie möglich gefasst werden: neben den natürlichen Ressourcen – erneuerbar oder nicht – gehören dazu mindestens das Sachvermögen, das Humanvermögen (Bildung, Gesundheit) und das Sozialvermögen (Beziehungen). Mit Ausnahme der nicht-erneuerbaren natürlichen Ressourcen können alle Vermögensarten vermehrt werden.

Um eine Aussage über Lebensstandard und Wohlstand insgesamt bzw. das dafür einsetzbare gesellschaftliche Vermögen machen zu können, müssen ganz unterschiedliche Dinge zusammengefasst und bewertet werden. Steigt beispielsweise das Vermögen, wenn wir 20 neue Kindertagesstätten gebaut haben, aber gleichzeitig durch unsere zunehmende Mobilität einen höheren CO2 Ausstoß verursacht haben? Diese unterschiedlichen Aspekte – vor allem wenn sie nicht in Euro zu beziffern sind – zu einer Gesamtschau zusammenzufassen ist die große Herausforderung für alle Initiativen, die sich mit der Messung von Fortschritt und Nachhaltigkeit beschäftigen

In Europa gibt es momentan mindestens drei staatliche Initiativen, die diese verschiedenen Vermögensarten im Blick haben und auf einen Fortschritt für künftige Generationen hinarbeiten – auch wenn dort in der Regel nicht die gleichen Begriffe verwendet werden wie hier. Diese drei Initiativen stehen heute noch neben einander und befruchten sich kaum: Die Europa-2020 Strategie der Europäischen Kommission, die Nachhaltigkeitsstrategien der EU und ihrer einzelnen Mitgliedsstaaten und die neuen Initiativen zur breiten Wohlfahrtsmessung.

In der Europa-2020 Strategie der Europäischen Kommission geht es um intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum. Das entspricht weitgehend den drei klassischen drei Säulen der Nachhaltigkeit: ökonomisch, ökologisch und sozial. Konkrete Ziele sind unter anderem eine Verringerung der Treibhausgasemissionen um 20% gegenüber 1990, eine Verringerung der Schulabbrecherquote von heute 15% auf 10% und eine Verringerung der Armut. Federführend ist auf Europäischer Ebene die Generaldirektion Wirtschaft und in Deutschland das Bundesministerium für Wirtschaft.

Die Nachhaltigkeitsstrategien der europäischen Länder haben einen klaren Schwerpunkt auf Umweltthemen, berücksichtigen aber auch Wirtschaftswachstum, Beschäftigung, Bildung, Gesundheit und andere Themen. Federführend ist auf Europäischer Ebene die Generaldirektion Umwelt und in Deutschland das Bundesministerium für Umwelt.

Die dritte und jüngste Initiative ist die insbesondere vom französischen Staatspräsidenten Sarkozy und seiner Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission voran getriebene Suche nach breiten Wohlfahrtsmaßen. Im Endbericht der französischen Kommission geht es um die Themen: Wirtschaftswachstum, Gesundheit, Bildung, Umwelt, soziale Beziehungen, politische Mitsprache und Unsicherheit. Auch hierzu gibt es eine offizielle Kommunikation der Europäischen Kommission. Die europäische Statistikbehörde Eurostat ist stark involviert und es gibt einige Querverbindungen zum OECD Netzwerk der Fortschrittsmessung. In Deutschland ist das Bundesministerium für Wirtschaft zuständig und der Sachverständigenrat Wirtschaft wird gegen Ende des Jahres ein Gutachten zur Anwendbarkeit auf Deutschland vorlegen.

Die inhaltliche Nähe dieser drei Ansätze ist nicht zu übersehen und die Verwirrung der Anwender in Politik und Gesellschaft daher groß. Wirklich nachhaltig wäre es, wenn diese drei Ansätze an einer gemeinsamen Sprache, einer gemeinsamen Vorgehensweise und gemeinsamen Indikatoren zu Nachhaltigkeit und Fortschritt arbeiten würden. Letztlich sollte ein gemeinsamer Ansatz gefunden werden. Dazu müssten die genannten Generaldirektionen, Ministerien, Abteilungen und ihre Gegenüber in Wissenschaft und Gesellschaft intensiver miteinander kommunizieren.

Die von SPD und Grünen beantragte Enquête-Kommission des Bundestags zu „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt“ ist eine ideale Gelegenheit, diesen Brückenschlag zumindest in Deutschland zu schaffen. Auch die Bundeskanzlerin scheint dieses Anliegen zu teilen. Im Februar dieses Jahres forderte sie in einer Videobotschaft dazu auf, über Wachstum und nachhaltigen Wohlstand neu nachzudenken und nannte in diesem Zusammenhang die Themen Sicherheit, Lebensqualität, Gesundheit und den nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen.

Quelle: Verlagsbeilage der FAZ